It´s only Rock n Roll - Tobias Richtsteig review 2016

It´s only Rock n Roll…. Nach der Probe sitzen die drei Musiker noch zusammen bei einem Teller „Purple Haze“. So heißt der Rote Bete-Eintopf hier im Wedding. Die Farbe stimmt schon mal. „Es schmeckt auch wie Jimi“ sagt Jimi Tenor. Und meint natürlich Jimi Hendrix. Mit guten Gitarristen kennt er sich aus. Hier am Tisch etwa sitzt auch einer: Kalle Kalima. Die beiden kennen sich noch aus jenen Jahren, als Jimi Tenor mit der „Kabu Kabu“- AfroBeat-Bigband in die „4th Dimension“ und weiter vorgestossen war. „Aber da haben wir vor allem Jimis Stücke gespielt“ erzählt Kalle Kalima. Im Zuge der Eurokrise sei es schließlich schwierig geworden, mit einer 14-köpfigen Band auf Tour zu gehen. „Jimi hatte acht Jahre lang Gigs für uns besorgt. Jetzt war ich dran, eine Band zu gründen, in der er mitspielen könnte. Und ich dachte, wir könnten dann auch ein paar Sachen von mir spielen.“ Also schlug Kalle Kalima ein gemeinsames Trio vor: die „Tenors of Kalma“. „Ich dachte dabei a ein Electro-Projektn, aber Jimi wollte frei improvisierte Musik machen. Also jeder genau das, was wir sonst nicht machen.“ Vor drei Jahren trafen sie sich dann in einem Proberaum in Helsinki mit dem Schlagzeuger Joonas Riipa zu einer ersten Probe. „Wir hatten zwei Stücke: »The Missing Page 1964«, das hatte Jimi schon früher mal als Gast bei meinem Trio »Klima Kalima« gespielt. Und Kalevala.“ Das ist eigentlich ein alter finnischer Mythos, jetzt zusammengefasst in vier Akkorden. Auf die erste Probe folgte der erste Auftritt. Und dann ging es immer weiter in Finn- und Estland, auf dem Jazzfestival in Tampere, beim Elbjazz und auch in Rockschuppen in Birmingham, im legendären Golden Pudel Club und im Berliner Berghain. In den Presseberichten standen Worte wie „psychedelisch“ und „Kraftwerk trifft Sun Ra“ und genau so waren die „Tenors Of Kalma“ dann auch bald auf ihrer ersten CD „Electric Willow“ (enja/yellowbird) zu hören.
Aber „Nach der CD ist vor der CD“ lautet ein altes Musiker-Sprichwort und mit alten Sprichworten ist nicht zu spaßen. Deshalb treffen sich Kalle, Jimi und Joonas ja gerade zum Proben in Berlin und bald noch mal in Helsinki. Die neuen Stücke kommen noch rockiger rüber, nach vier Tagen im Probenraum. „Shit, das klingt ja wie Police!“ lacht Jimi Tenor, als „(what used to be) Mona“ ausklingt. Nur, dass Joonas aus dem Stadt gleich doppelt so viel Wucht aus dem Schlagzeug holt, als man sich in den 80er Jahren vorstellen konnte. Und das einzige, was hier an den glattproduzierten Edel-Reggae/Punk von damals erinnert, ist Tenors lyrisches Flötensolo, neben dem Kalimas Gitarre gleich doppelt gezerrt wirkt. „Ich hab die Wahl“ sagt Jimi „spiele ich mit den beiden, oder spiele ich gegen ihren Sound an? Ich nehme wohl oft das »Dagegen«, schätze ich…“ und Joonas stimmt zu: „Es geht um Kontrast: ich hab mal von einem finnischen Komponisten gehört, der hat ein Stück für sechs Harley Davidsons und einen Eimer Wasser geschrieben. Und obwohl die Motorräder voll aufgedreht waren, war das Wasserplätschern beinahe lauter. Einfach weil’s anders war!“ Und Kalle stimmt ihm zu: „Wir wollen ja auch unsere ZuhörerInnen überraschen. Man soll nicht vorhersehen können, was als nächstes kommt. Nicht, dass wir ständig komplett die Richtung wechseln, aber wir halten die Leute unter Spannung. Live haben wir ja noch mehr Electro-Geräte dabei, du weißt nicht immer, wo der Sound herkommt. Von der Flöte? Aus einem Synthi? Von der Gitarre?“ Das mag ich persönlich am meisten“ sagt Jimi „wenn ich in ein Konzert gehe und das spannend ist“. Und Joonas schlägt vor „Wir sollten öfter von einem Song in den nächsten überleiten, so James-Brown-mäßig!“
Von spannenden Gegensätzen erzählt auch der düstere, Zeitlupen-Rockgroove in „Burning-ham“. Dieses Stück flog den „Tenors Of Kalma“ zu wie eine gebratene Taube, als sie auf Tournee die britische Industriestadt Birmingham besuchten. Das Konzert vor 3.000 Leuten war großartig, aber dann ging es zu einem Hostel im Stadtzentrum. „Das war früher ein Armenhaus gewesen. Winzige Zimmer, aber hunderte davon“ staunt Kalle heute noch. „Und das Stadtzentrum ist total abgerockt. Überall Junkies und es sieht aus wie nach einem Atomkrieg. So kamen wir auf »Burning-ham«“. „Aber dann fanden wir da Ping-Pong-Tische mitten in der Stadt!“ rettet Jimi die Stimmung. „Die sind öffentlich. Und da ist eine Kiste an der Seite, da waren sogar Schläger drin.“ Also haben sie Bälle gekauft und jeden Abend gespielt, um nicht in die kleinen Zimmer zu müssen. „Einmal kamen so russische Jungs auf uns zu“ erzählt Kalle. „Aber die haben nur gefragt, ob sie einen Ball leihen können. Und sie haben ihn auch zurück gebracht! Das war echt nett, aber auch ziemlich seltsam“.
„We should be careful“ singt Jimi Tenor beim „Jungle Blues“, denn im Urwald laufen auch Raubtiere herum. Und Joonas malt mit krachendem Up-Tempo ein deutliches Bild von den Konsequenzen. Etwas lyrischer ist dann „Kalevala“, jenes mythologische Instrumental, das schon bei der ersten Probe auf dem Programm stand. „Wir spielen das jetzt seit fast vier Jahren“ sagt Kalle „und es wechselt ständig seine Gestalt. So langsam kommen wir zu dem Punkt, wo wir wissen, wie das zu spielen ist. Dabei hat es nur vier Akkorde.“ Und Joonas ergänzt „Ich halte es immer so offen wie möglich, wir improvisieren die ganze Zeit. Das heißt, wir kennen die Stücke und können sie auch tight abliefern. Aber wir kennen sie auch gut genug, dass wir sie dann wieder ausdehnen können, wenn wir wollen.“ Denn immerhin gibt es auch Konzerte, bei denen die Leute angefangen haben, zu tanzen. „Die müssen betrunken gewesen sein“ lästert Jimi. „Nein, wirklich, da waren junge Mädchen, die tanzten!“ „Aber wir sind ja keine Zwanzig mehr“ sagt Joonas „und haben als Musiker eigentlich den Snobismus, dass wir sagen: Das ist unsere Musik, wir spielen nichts anderes! Aber wir sind auch Improvisatoren, die dem Moment folgen. Wenn Leute tanzen, dann lenken wir unsere Musik vielleicht in diese Richtung…“
Ungefähr bei 40% liege der Anteil an Improvisation in jedem einzelnen Stück, behauptet Jimi Tenor. „Und vielleicht sollte das mehr sein. Wir streiten da ständig drüber. Aber es wird ja noch mehr Songs geben.“ Wie zum Beispiel „Jade Rabbit“ über den chinesischen Mond-Roboter Yutu und seinen einsamen Forscher-Job auf dem Erdtrabanten. Einstudieren können die »Tenors Of Kalma« diese neuen Songs im schallgeschützen Proberaum. Aber so richtig bis an die Grenzen bringen sie die Musik am liebsten direkt vor Publikum. Die nächsten Tour-Termine werden schon wieder vorbereitet. Am besten passen würde es im Frühsommer, aber erst nach der großen Echo Jazz-Gala in Hamburg. Denn da müssen sie hin. Kalle ist mit den „Tenors of Kalma“ nominiert.


Tobias Richtsteig